Jakobsweg 2014 – Teil 5 – LePuy bis Cahors

Teil 5 – LePuy bis Cahors

Tag  39  –  25.04.2014  –  Saint-Privat-d’Allier  (24km)

Der Abschied am Morgen von Le-Puy fiel mir irgendwie schwer. Obwohl ich „Großstädte“ im Normalfall nicht mag, hat es mir diese Stadt jedoch angetan und ich wusste, dass ich irgendwann einmal wieder hierher komme.

Meinen Wecker hatte ich extra auf sechs Uhr gestellt, damit ich um sieben in die Pilgermesse in der Kathedrale gehen konnte. Ich zog die Jalousien hoch und sah: strömenden Regen.

Da ich keine Lust hatte, bereits vor Anbruch der Tagesetappe durchnässt zu werden, entschloss ich mich, eben nicht in die Messe zu gehen.

Vielleicht war es sogar besser, dass ich nicht in der Pilgermesse war. Wenn ich daran zurückdenke, wie mich die Messen auf dem Jakobsweg 2012 immer mitgenommen haben, so wäre ich jetzt (mit meinem aufgewühlten Kopf) eventuell sogar in Tränen ausgebrochen.

So döste ich schließlich noch bis ca. sieben Uhr vor mir hin und stand letztendlich doch auf.

Nach dem Frühstück in der Hotellobby brach ich kurz vor neun Uhr auf und lief über den Place du Plot hinweg auf einer bergauf führenden Straße raus aus Le-Puy.

Hier traf ich vor einem Denkmal auf zwei Pilger aus Dänemark. Die beiden sind vor einigen Wochen mit den Rädern bereits von hier aus nach Santiago unterwegs gewesen, anschließend irgendwie zurückgekommen. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind die beiden mit dem Zug gefahren. Nun laufen sie zurück zu ihren Rädern und radeln nach dem Jakobsweg vielleicht noch die Donau entlang.

Gemeinsam mit den beiden lief ich aus Le-Puy raus und über einen Schotterweg immer weiter bergauf.

Von oben hatte man dann eine schöne Aussicht auf eine Schlucht und über die hinter uns gelassene Stadt Le-Puy-en-Velay.

Leider war es mir nicht möglich von der schönen Aussicht ein ordentliches Bild zu schießen, da es immer noch regnete und meine Kamera etwas wasserscheu war.

Nach zwei Stunden kam ich in St.-Christoph-sur-Dolaison an, hier hat (kurz vor dem Dorf) eine Anwohnerin ein tolles Plätzchen für Pilger geschaffen und verkauft aus ihrem alten umgebauten Wohnwagen warme Getränke und kleine Speisen.

Weiter ging es noch 800 Meter nach Tallode und durch einen Wald ca. sieben Kilometer nach Montbonnet.
Etwa drei quälende Kilometer hinter Montbonnet erreicht man auf 1210 Höhenmeter den höchstens Punkt der Etappe. Nach Saint-Privat-d’Allier führte der Weg nur noch bergab, aber wie!

Durch den andauernden Regen war der Boden schon so stark aufgeweicht, dass man immer wieder leicht ins Rutschen kam. Die letzten eineinhalb Kilometer führten dann so steil bergab, dass ein anderer Pilger stürzte und an mir vorbei rutschte. Einige Meter vor mir kam er zum Stillstand und putzte sich erst mal den ganzen Schlamm wieder ab. Passiert ist ihm aber nichts.

Gegen drei Uhr nachmittags kam ich schließlich im Ort an und stand vor einer verschlossenen Herberge. Eine Mitarbeiterin (später stellte sich heraus, dass es die Köchin war) schloss mir kurz auf, sodass ich meinen Rucksack abstellen konnte. Sie deutete mir an, dass ich noch eine Stunde warten müsste, da die Herberge erst 16 Uhr wieder öffnete. So verzog ich mich in eine kleine nicht weit entfernte Bar. Hier saßen auch schon etliche andere Pilger an den Tischen. Ich setzte mich erst einmal an einen freien Tisch für mich alleine.

Vier Uhr stand ich dann mit einigen anderen Leuten vor der Eingangstür und kam spontan mit einer Deutschen und einem Kanadier ins Gespräch, welche ich bereits in der Bar kurz gegrüßt hatte. Beide waren seit diesem Tag unterwegs und wollten, wenn sie es schaffen sollten, bis nach Santiago durchhalten.

Nach dem Check-In wurde mir, zusammen mit dem Kanadier und einem Pilger aus Südkorea ein Zimmer mit drei Doppelstockbetten zugewiesen. Aus welchem Grund auch immer, aber mich zog es sofort nach „oben“.

19 Uhr gab es Abendessen, von der Köchin fast ganz alleine zubereitet. Salat, Pellkartoffeln mit einer „Deutschen-Schlachteplatte“, Käse und zu guter Letzt noch Obstsalat.

Am späten Abend hatte sich der Regen letztendlich auch mal ausgeregnet und es kam für eine kurze Zeit die Sonne noch mal raus.

Der Weg von Le-Puy-en-Velay nach Saint-Jean-Pied-de-Port wird übrigens auch Via Podiensis genannt und ist -bereits 1977- als GR65 ins Netz der französischen Fernwanderwege aufgenommen wurden.

Eins hatte ich bisher immer vergessen, mal zu erwähnen. Seit Mainz schleppte ich neue Wanderschuhe mit mir herum und latschte meine Alten noch richtig runter. Eigentlich hatte ich vermutet, dass meine alten Treter nur bis maximal Dijon halten, nun haben Sie mich jedoch bis nach Le-Puy getragen.
Jetzt hatten die beiden aber überhaupt kein Profil mehr drauf und so schmiss ich Sie heute Abend in den Mülleimer, von nun an kamen meine neuen zum Einsatz, welche ich mir extra für diese Tour gekauft hatte.

 

Tag  40  –  26.04.2014  –  Le Villeret d’Apchier  (30km)

Nach einem sehr guten Frühstück, welches im Übernachtungspreis von 27 Euro (Spezialpreis für Pilger unter 26 Jahren) bereits enthalten war, zog ich mir die Wanderstiefel über die Füße, verabschiedete mich noch von dem Kanadier und der deutschen Frau und pilgerte los. Vielleicht sehe ich die beiden ja auch mal wieder, der Weg war ja noch lang genug.

Die ersten Kilometer gingen sehr steil bergauf und nach dem Anstieg ebenso steil wieder runter, ein dichter Nebel machte das Ganze noch ein bisschen extremer.

Nach fast zwei Stunden kam ich in Monistrol-d’Allier an. Der Weg führte hier auf einer Brücke über den Fluss Allier, der Namensgeber der umliegenden Dörfer bzw. Kleinstädte sowie der Allier-Schlucht.

Dieser Fluss bildet auch die Grenze zwischen dem vulkanischen Velay und dem Margeride-Bergland, welches man nun für etwa zwei Tage durchlief.

Auf der anderen Flussseite traf ich wieder auf die zwei Dänen. Sie erzählten mir, dass sie damals, als sie hier mit ihren Rädern unterwegs waren, einen Pilger mit Esel getroffen haben. Vielleicht begegnet mir auch noch so einer entlang des Weges.

Nach einem harten Stückchen bergauf wurde man nicht nur mit einer schönen Aussicht über die Allier-Schlucht belohnt, sondern auch mit einer kleinen Besonderheit der Region. Eine zur Kapelle Madeleine ausgebauten Grotte.

Über die Weiler Montaure, Roziers und Le Vernet führte nun der Jakobsweg durch etwas karge Landschaft. Hier kam es mir ein wenig so vor, als laufe ich durch mein geliebtes Irland.

Elf Kilometer nach Monistrol befand ich mich in Saugues und legte eine kleine Pause in einer netten Bar ein.

Kurz hinter Saugues traf ich auf zwei Frauen. Nachdem wir gegenseitig herausgefunden hatten, das wir alle Deutsche waren redeten wir etwas miteinander. Die beiden kamen aus der Nähe von Stuttgart, sind vor Jahren von zu Hause aus gestartet und laufen jedes Jahr eine Woche.

Die letzten elf Kilometer verliefen gemütlich bergab, so störte es mich auch nicht, dass mich der Regen dann wieder einholte.

Gegen 16 Uhr kam ich in der Herberge von Le Villeret d’Apchier an und staunte nicht schlecht: Der Reiseführer hatte wirklich nicht gelogen, denn die Aussage: „Die Unterkunft wird von zahlreichen Pilgern wärmstens empfohlen“, passte wie die Faust aufs Auge.

Nicht nur, dass das Haus an sich sehr schön war, sondern es gab Massagegeräte für die Füße und einen Massagesessel, für den ganzen Körper.
Diese beiden Schmuckstücke ließ ich mir natürlich nicht entgehen.

Betrieben wurde diese tolle Herberge von einem Paar, wobei er nicht nur französisch sprach, sondern auch italienisch, schweizerdeutsch und spanisch, jedoch kein einziges Wort englisch.

Kurz nach meiner Ankunft kam, zu meiner Überraschung, der Koreaner von gestern an und auch die beiden Stuttgarter Frauen hatten es bis hierher geschafft.
Die beiden hießen Monika + Doris und der Koreaner (wenn ich seinen Namen richtig verstanden habe) Jen Ching.

Am späten Abend fing es wieder an, in Strömen zu regnen. So dauerte es nicht lange, bis sich die Eingangstür öffnete und noch zwei Pilger das Haus betraten, ein kanadisches Ehepaar wie sich etwas später beim Essen herausstelle.

Als Aperitif gab es ein Glas Roséwein und ein Ständchen, gesungen von uns allen. Das berühmte französische Pilgerlied: „Chant de Pelerins“ (bei YouTube)

Darauf folgten schließlich wieder vier Gänge.

Am Ende holte einer noch eine Mundharmonika hervor und spielte einige bekannte Welthits.
Leider war der Abend dann viel zu schnell vorbei.

Beim Essen erzählte das kanadische Ehepaar von Ihrer Reise auf den Appalachian Trail an der US-Ostküste. Einen 3500 Kilometer langen Wanderweg, quer durch die Wildnis von x Staaten.
Irgendwann zieht es mich vielleicht auch mal da hin.

 

Tag  41  –  27.04.2014  –  Les Estrets  (27km)

Der Regen von gestern Abend hatte sich wieder gelegt und so zog sich gemeinsam mit Doris und Monika nach acht Uhr los. Beide ließ ich jedoch schnell hinter mir, da ich einen etwas schnelleren Schritt hatte.

Über zwei drei kleine Dörfer, besser gesagt Gehöfte führte der Cemin de Saint Jacques de Compostel, wie der Jakobsweg auf Französisch heißt nur durch Wald und Feld nach Saint-Alban-sur-Limagnole. Als ich hier gegen Mittag eintraf, entschloss ich mich spontan zu einer ausgedehnten Mittagspause, da ich für heute nur noch knapp sieben Kilometer vor mir hatte.

Diese letzten Kilometer bewältigte ich relativ schnell, erst auf einer Landstraße und am Schluss noch mal bergauf bergab im Wechsel.

Am Ortseingang von Le Estrets winkte mir aus der Ferne ein Pilger zu. Beim näher kommen erkannte ich ihn, Jen Ching den Südkoreaner. Er hatte sich dazu entschlossen noch einige Kilometer nach Aumont-Aubrac weiter zulaufen.

In der Herberge angekommen, begrüßte mich ein netter Franzose mittleren Alters gleich mit der Frage: „Do you speak English?“ (Sprichst du Englisch) Ich antwortete: „Yes, is better as my french“ (Ja, besser als mein Französisch). So zeigte er mit der Herberge, welche hier in Frankreich übrigens „Gite“ hießen und ich bezog ein Doppelstockbett, natürlich wieder oben.

Etwa zwei Stunden später hörte ich aus dem Eingangsbereich zwei bekannte Stimmen. Ich schaute nach unten und sah Monika + Doris. Dass die beiden es bis hierher heute geschafft haben, hätte ich nie gedacht, Hut ab!
Auf ihre Frage hin, wie viele Kilometer es denn heute waren? Gab ich zur Antwort: „Gute 27“. Sie hätten es nie gedacht, dass sie mal mehr als 25 Kilometer am Tag pilgern würden.

Beim Essen versprach ich den beiden, ihnen je eine Postkarte aus Santiago zu schreiben, sollte ich dort irgendwann ankommen.

 

Tag  42  –  28.04.2014  –  Nasbinals  (34km)

An diesem Tag purzelten die Kilometer nur so dahin.

Kurz hinter Les Estrets führt eine Brücke über den Fluss La Truyere, dieser stellt die geografische Grenze zwischen dem Margeride-Bergland und dem Aubrac-Hochland dar. Noch karger und dünner besiedelt, als es im Bergland zuvor bereits der Fall gewesen war. Die Einwohnerdichte lag im Aubrac-Hochland bei gerade einmal zehn Einwohnern je Quadratkilometer. Diese Region durchlief man nun ebenfalls für etwa zwei Tage.

Entlang eines Waldrandes ging ich an der Herberge von Bigose vorbei, welche ein paar Meter von Weg entfernt stand. Hier saßen die Pilger offenbar noch beim Frühstück. Einer winkte mir zu. Erst wunderte ich mich, aber dann erkannte ich ihn, der Kanadier von Saint-Privat.

So ist der Jakobsweg, man trifft Personen, verliert sie dann für einige Tage wieder und plötzlich tauchen sie vor einem wieder auf.

Etwas durch den Wald hindurch und über einen Pfad war ich schnell in Aumont-Aubrac gelandet und kaufte mir ein wenig Wegzehrung ein, bevor es auf die letzten 26 Kilometer ging.

„Weite und Leere“ waren die Begriffe, die zu diesen 26 Kilometern passten, denn bis auf etwas Wald und ab und zu ein kleines Dorf oder einen Weiler gab es nichts. Hier konnte ich dann mal wieder meinen Kopf freibekommen.
„Aber nur von was, viel ist ja eh nicht mehr drin seit der Tour nach Montbrison (19.04.2014).“

Gegen halb vier kam ich schließlich in Nasbinals an und stieg in der vermutlich billigsten Gite im Ort ab, zwölf Euro für die Nacht.

Diese nette, einfache und spartanisch eingerichtete Herberge war, vielleicht gerade dadurch, für mich aber eine der besten des bisherigen Weges.

Ich bekam ein Bett in einem Vierer-Zimmer zugewiesen und es war nur ein weiteres belegt, dies änderte sich auch nicht mit zunehmender Tageszeit.

Am Abend ließ ich mir noch vom Betreiber eine Herberge für den nächsten Tag reservieren, in Saint-Come-d’Olt. 32 Kilometer sollten es werden, jedoch drei Viertel der Strecke nur bergab, ca. 1000 Höhenmeter.

 

Tag  43  –  29.04.2014  –  Saint-Come-d’Olt  (32km)

Relativ schnell hatte ich den Bach Ghamboulies erreicht. Ab hier führte der GR65 ca. sechs Kilometer lang über offenes Gelände.

Durch die karge und baumlose Landschaft des Hochlandes kam ich mir wieder mal vor wie in Irland. Verstärkt wurde dieser Effekt noch durch ein paar kleine Steinmauern, wie auf Inish More.

Zum Glück war ich nicht einen Tag vorher hier gewesen, dann da gab es tatsächlich Schnee. Dies erfuhr ich einige Tage später von einer Pilgerin.
Beweisfoto:
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Dadurch, dass das Gelände hier keine Wege oder Anhaltspunkte bot, musste man schon sehr aufpassen, um sich nicht zu verlaufen.

Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich ein sehr langsam laufender Pilger vor mir auf. Als ich ihm näher kam und er sich umdrehte, staunten wir beide nicht schlecht. Es war der Südkoreaner Jen Ching. Er erzählte mir, dass er eine Infektion am rechten Fuß habe und dadurch gezwungen wurde, kleinere Tagesetappen zu gehen. Vielleicht wäre es für ihn besser gewesen, wenn er mal ein paar Tage ausspannt.

Erstaunlich aber wahr: Mir ist bis jetzt, außer ein paar kleine Blasen und den auf gesteuerten Fersen nichts passiert. Wenn das so weiter geht, dann werde ich das Ende der Welt kerngesund erreichen.

Nach einer guten Stunde hatte ich schließlich den höchsten Punkt der Via Podiensis auf 1368 Hm passiert und stand dann etwa eine halbe Stunde später in Aubrac an einem Wegweiser. Dieser zeigte die Strecke nach Santiago de Compostela mit nur noch „1399 Km“ an, es sind also keine 1500 Kilometer mehr bis ans Kap Finisterre, dem Ende der Welt (dem Ende für mich). Weniger als die Hälfte meiner gesamten Tour, von zu Hause aus betrachtet.

Nun folgte das erste von zwei langen Stücken bergab, was aufgrund des nassen Untergrundes an vielen Stellen eher eine Rutschpartie bedeutete. Zum Glück konnte ich mich immer wieder bremsen und abfangen.

Um die Mittagszeit hatte ich es hinter mich gebracht und war in Saint-Chely-d’Aubrac angekommen.
Die folgenden zwölf Kilometer nach Lestrade waren zwar an einigen Stellen noch steiler, aber viel besser zu laufen.

Als ich das kleine Dorf erreicht hatte, war es wie ausgestorben. Es bot mir aber eine sehr nette Überraschung. Ein alter Brotbackofen war hier zu einer Pausengelegenheit für vorbeikommende Pilger umfunktioniert und es standen heiße Getränke zu je einem Euro (auf Vertrauensbasis) bereit.

Noch einmal ein wenig bergauf/bergab und ich hatte mein Tagesziel Saint-Come-d’Olt erreicht.

Etwas komisch fand ich es, dass ich schon wieder mal ein Zimmer mit mehreren Betten für mich alleine hatte.
„Suche ich mir nur immer diese leeren Herbergen aus oder bin ich der einzige Pilger ohne Partner, denn die nehmen sich vermutlich immer ein Doppelzimmer.“
Beim Abendessen saßen, außer mir, noch acht weitere Personen (vier Paare) mit am Tisch.
Trotz allem, dass ich nur mein Schulenglisch und wenige Wörter französisch sprach, wurde es ein gemütlicher Abend und wir alle unterhielten uns einfach köstlich.

 

Tag  44  –  30.04.2014  –  Golinhac  (33km)

Raus aus Saint-Come-d’Olt läuft man durch die wunderschöne Altstadt, bevor es über den Fluss Lot geht und dann ein wenig auf einer Landstraße Richtung Combes.

Plötzlich biegt der GR65 nach links ab und verläuft wieder sehr steil bergauf, durch einen verwilderten Wald hindurch, auf etwa 470 Hm (Saint-Come-d’Olt lag auf 370 Hm).

Durch den langen Regen war auch hier der Boden aufgeweicht und dadurch sehr rutschig geworden.
Wie aus dem Nichts erreicht man hier oben eine kleine Lichtung mit einer Marien-Statue und einen tollen Ausblick in das Tal des Lot. Da unten lag auch schon das nächste Zwischenziel Espalion.

Bergab führte der Weg nun zur Perserkirche, durch einen Sportkomplex hindurch und entlang des Flussufers direkt in an den Stadtrand von Espalion.

Ohne großartig in die Stadt hinein zu verlaufen, verläuft der Jakobsweg auf einer kleinen Landstraße vier Kilometer weiter, nach Bessuejouls.

Genau so ging es auch die nächsten neun Kilometer weiter nach Estaing.
Den Ort erreicht man, wenn man über eine Brücke geht. Der Weg ist jedoch auf der Straße weiter markiert und führt nicht in die kleine Stadt hinein.

So lief auch ich einfach auf der kleinen Straße, welche später zu einem asphaltierten Weg wurde weiter und erreichte die Weiler La Rouquette, Le Mas und Massip.

Leider erst ab hier, ging es wieder in den Wald hinein auf die letzten drei vier Kilometer nach Golinhac.

Etwa auf der Hälfte dieses Abschnittes sah ich einige Meter vor mir zwei Pilgerinnen. Als ich näher kam, merkte ich, dass die beiden am Lachen und Rumalbern waren. „Was sind das nur für zwei verrückte Hühner.“ Dachte ich. Vom Aussehen her hatte ich beide auf ungefähr mein Alter geschätzt. Beim Vorbeilaufen sprach mich die eine auf Französisch an, leider verstand ich nichts und so wiederholte sie es auf Englisch: „Deine Bauchtasche ist offen!“
Ich sagte nur so: „Ja ich weiß, soll so sein.“
Schnell trennten sich unsere Wege wieder.

Dass diese beiden, im Nachhinein die besten Pilgerfreunde/innen der ganzen Reise werden sollten, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Am Ortseingang von Golinhac stand ein Wegweiser mit dem Namen der Herberge und einem Schild mit den Namen der Pilger (zzgl. der Zimmernummer), welche hier reserviert hatten, so auch meiner.

Die Herberge befand sich schließlich gute 200 Meter außerhalb vom Dorfzentrum und etwas wunderte es mich schon, dass niemand da war, um zu kassieren.

Der Erste von insgesamt drei Schlafsälen, war nicht gerade riesig (ausgelegt für elf Leute). So bezog ich ein noch freies Bett und meine gute Laune wurde sofort etwas nach unten gedrückt, denn es herrschten mindestens 25 °C im Raum und eine Luftfeuchtigkeit wie in einer Tropensauna. Viele Pilger trocknen doch allen Ernstes Ihre teure Funktionskleidung auf einer kochenden Heizung. Dies ist nicht nur schlecht für die Fasern, sondern auch relativ sinnfrei, denn bis zum nächsten Morgen wird das Zeug auch schon wieder trocken sein.

In einem kleinen Laden mitten im Dorf kaufte ich mir später noch eine Kleinigkeit zu Essen für den Abend und setzte mich dann in die Küche, welche gleichzeitig ein kleiner Aufenthaltsraum war. Hier schrieb ich Tagebuch und versorgte mich mit Nahrung.

Eine der beiden jungen Frauen vom Nachmittag setzte sich neben mich und fragte, wie ich heiße und woher ich komme. Ich: „Ich bin Daniel und komme aus Deutschland.“
Sie: „Bin Charlotte aus Belgien. Antje, die Andere von uns Zweien, kommt auch aus Deutschland. Wo bist du gestartet?“
Ich: „Vor 44 Tagen in Deutschland.“
Dies konnte sie kaum begreifen. Ein wenig später stand sie wieder auf und ging nach oben.

Ich war gerade mit meinem Aufwasch beschäftigt, da kam Antje (die andere der beiden) die Treppe herunter und sprach mich sofort auf Deutsch an.
„Charlotte sagte mir, dass du aus Deutschland kommst. Woher denn da?“
Ich: „Aus Jena und bin von Mainz aus gestartet!“
Schnell kamen wir ins Gespräch. Sie kam aus Berlin, war letztes Jahr bereits auf den Camino Portugues (von Porto nach Santiago) unterwegs und ist einen Tag vor mir in Le-Puy gestartet, läuft nur bis Saint-Jean und möchte dann, wenn alles klappt, eventuell nächstes Jahr den Camino Frances weiterlaufen.

Am späteren Abend lernte ich noch Gabriel aus Kanada, Ann aus Norwegen und Monique ebenfalls aus Kanada kennen. Die Fünf zusammen kennen sich auch erst seit einigen Tagen.

Ich kann mir nicht helfen, aber der erste Eindruck über Antje und Charlotte am Nachmittag im Wald hat sich total gewandelt. Zuerst dachte ich nur, was sind das für zwei Verrückte, nun finde ich beide sehr sympathisch. Mit den beiden könnte man bestimmt mal gut zwei drei Tage zusammen pilgern.

 

Tag  45  –  01.05.2014  –  Conques  (22km)

Die Nacht war die schlimmste seit langer Zeit. Bei der Temperatur und hohen Luftfeuchtigkeit konnte ich kaum ein Auge zu machen. So kam es dann, dass ich mich von etwa acht Uhr bis neun Uhr in die Küche setzte, frühstückte und Tagebuch schrieb. Viele Pilger gingen in dieser Zeit schon los. Gegen halb neun kam dann erst Charlotte total verschlafen die Treppe hinunter und ein wenig später auch Antje. Sie begrüßte mich nicht etwa mit einem „Guten Morgen!“ Sondern mit der Aussage: „Du schreibt doch schon wieder Tagebuch!“ 🙂

Kurz nach neun hatte ich dann doch noch Lust bekommen loszulaufen und so startete ich zusammen mit Charlotte und Antje in einen neuen Pilgertag. In dem kleinen Laden im Dorf kaufte ich noch eine Tafel Schokolade und ging dann gleich weiter. Die beiden brauchten noch etwas länger, aber ich würde sie ja in der Klosterherberge in Conques am Abend wiedersehen.

Bis nach Espeyrac führte mich der GR65 abwechselnd über kleine Landstraßen und durch Wald. Von Espeyrac kam ich dann auf der D42 nach drei Kilometern in Senergues an. Ohne eine Pause zu machen lief ich auf dem nun parallel zur besagten Straße verlaufenden Weg weiter bis ca. zwei Kilometer vor Conques. Ab hier führte der Jakobsweg wieder in den Wald hinein und gefährlich steil bergab mitten hinein in das wunderschöne kleine Dorf.

Conques, ein kleines beschauliches Dorf mit ca. 300 Einwohnern mitten im französischen Zentralmassiv.
Ich fand es gehört zu Recht zu den schönsten Dörfern Frankreichs, den „Plus beaux villages de France

Gegen 14 Uhr kam ich so in der Herberge im alten umgebauten Kloster an. Den Rucksack musste man in eine riesige Plastiktüte stecken, welche zuvor mit „Anti-Bettwanzen-Spray“ ausgesprüht wurde. Hier geht man wirklich auf Nummer sicher. Die Schuhe lagerten draußen in einem Regal, natürlich geschützt vor Regen. Der Check-In bzw. das Bezahlen war die reinste Massenabfertigung, aber zu verkraften, wenn man bedenkt, dass hier in Conques viele Pilger aufhören aber wahrscheinlich auch genauso so viele Pilger wieder beginnen.

Nach einem kleinen Dorfrundgang setzte ich mich dann auf einen freien Stuhl im Eingangsbereich und schrieb Tagebuch. Da kam eine junge Familie herein, mit Kleinkind (maximal zwei Jahre alt). Er bepackt mit Kind hinten und Rucksack vorne, sie trug einen Rucksack hinten und eine Tasche in der Hand. Da fragte ich mich, wenn die drei eventuell heute schon gewandert sind: Wie sind die nur den steilen Waldweg hinunter gekommen? Aber Hut ab vor den beiden.

Gegen 16 Uhr trafen Antje und Charlotte ebenfalls hier ein. Beim Warten aufs Bezahlen, fragte mich Antje, ob ich nicht Lust hätte nachher noch mit ins Dorf zu kommen und vielleicht ein Bierchen zu trinken. „Sehr gerne“ antwortete ich. Da es 19 Uhr Abendessen gab, verabredeten wir uns für 18 Uhr vor der Herberge.

Zusammen mit den beiden schlenderte ich schließlich durch das schöne Dorf. Wir redeten etwas miteinander und irgendwie kam es dazu, dass ich erzählte, dass ich Quantenheilung praktiziere und kein Problem mit einer kleinen praktischen Anwendung hätte.

Da sowohl Charlotte als auch Antje in den Beinen (die eine im Knie, die andere im Fuß) leichte Schmerzen beim Laufen verspürten, bot sich das ja auch gleich an.
Wir schauten uns nach einer kleinen Bar um und bestellten drei Bier. Der Barkeeper stellte einen kleinen Krug mit der Rechnung dazu auf den Tisch. Bevor es die beiden bemerkten, steckte ich das Geld schnell hinein. Als wir wieder los wollten, wunderten sich die Zwei, dass der Barkeeper nicht einmal Geld wollte. Ich klärte es auf und sie bedankten sich herzlichst bei mir.

Im großen Speisesaal der Herberge gab dann gegen 19 Uhr für etwa 120 Pilger und Gäste gleichzeitig Abendessen, ein gutes 4-Gänge-Menü. Beim Essen bekam ich auch das Alter der beiden mit: Charlotte ist 28, da passte ja meine Vermutung, nur bei Antje habe ich mich zum Positiven verschätzt, sie ist junge 33.

Später suchten wir uns ein ruhiges Plätzchen und trafen hier auf Gabriel, den Kanadier. Er war nicht beim Essen, da er etwas erkältet ist und seine Ruhe haben wollte. Nun gab ich Antje am Fuß und Charlotte am Knie jeweils eine Quantenheilung und den Äußerungen der beiden zu folge, tat dies auch richtig gut.

 

Tag  46  –  02.05.2014  –  Livinhac-le-Haut  (24km)

Da ich beim Check-In gleich ein Frühstück mitnahm, genoss ich es in dem großen Speisesaal noch zu essen, bevor ich mich auf den Weg machte.

Einige Minuten vor acht Uhr ging ich schließlich los und stieß an der Kathedrale auf Antje und Charlotte. Mit den beiden ging ich nun die steilen Straßen in Conques hinab zur Brücke Pont des Roumieux über den Fluss Dourdou.

Die Brücke gehört zusammen mit der Kathedrale und auch vielen anderen Sehenswürdigkeiten entlang des Weges zum UNESCO-Weltkulturerbe Jakobsweg.

Auf den nassen Steinen, denn es hatte die Nacht mal wieder geregnet, rutsche Charlotte einige Mal aus und so bot ich ihr einen meiner beiden Wanderstöcke an.

Nach der Überquerung des Flusses stand ein steiler Aufstieg über einen Waldweg bevor. An der kleinen Kapelle Sainte-Foy hatten wir einen wunderbaren Blick zurück auf Conques.

Oben angekommen ging es auf Feldwegen weiter über kleine Dörfer bzw. Weiler bis nach Prayssac. Eigentlich wollte ich mit den beiden nur bis hierher gehen, aber es klappte ganz gut. Also ging es gemeinsam weiter.

Wieder an einer Landstraße angekommen entschlossen wir uns auf dieser zu bleiben und über Peyrebrunne und Agnac nach Saint Roch zu laufen. So ersparten wir uns nicht nur die größere Stadt Decazeville, sondern auch einen Auf- und einen Abstieg.

Von Saint Roch war es schließlich nur noch ein Katzensprung nach Livinhac-le-Haut.

Am Ortseingang trennten sich unsere Wege, Antje & Charlotte hatten einen Platz in einer Gite reserviert und ich in einem etwas teureren Gästezimmer. Da am nächsten Tag Charlotts letzter Tag war (sie lief nur bis nach Figeac) machten wir uns noch einen Treffpunkt auf ein Bier für den Abend aus.

Beim Bier bekam Antje wieder eine Fußmassage und Charlotte eine kleine Quantenheilung für ihr Knie zusammen mit einigen Tipps zur Heilung. Sie werde ich wahrscheinlich nicht mehr wieder sehn. Schade, denn mit ihr habe ich mich auch sehr gut verstanden.

Antje hoffte ich kommenden Sonntag in Gajarc oder die Woche darauf am Dienstag in Charos wieder zu treffen.

 

Tag  47  –  03.05.2014  –  Le Cassagnole  (29km)

Ich saß gerade beim Frühstück, als die Eingangstür aufging und eine mir bekannte Person, das Gästehaus betrat. Jen Ching, der Südkoreaner. „Mensch wie ist der nur so schnell hier her gekommen, mit den schmerzenden Füßen“ Dachte ich. Eine Pilgerbekanntschaft von ihm hatte ebenfalls hier übernachtet und er holte sie nun ab.

Auf dem Weg zurück zum GR65 kam man zwangsweise an der kleinen Dorfkirche und einen Gefallenendenkmal vorbei. Wie aus dem Nichts kamen mir hier die Menschen in den Sinn, die ich in den letzten Jahren verloren hatte. Auch die drei Personen aus meiner Familie, welche ich nur von Bildern kenne, da sie vor meiner Geburt gestorben sind. Irgendwie komisch dieses Gefühl und es zog meine anfängliche gute Laune merklich nach unten.

Über eine Landstraße lief ich nun raus aus dem Dorf Livinhac-le-Haut und traute meinen Augen kaum, da liefen doch glatt Antje und Charlotte ein paar Meter vor mir. Nur ein banales „Good Morning!“ gab ich von mir, als ich an ihnen vorbei lief. Sie fragten, was los sei, aber ich antwortete nur sporadisch bzw. gar nicht.

Nach guten zwei bis drei Kilometern sprach ich Antje einfach mal an und erzählte ihr, warum meine Stimmung so weit unten ist.
Das kurze intensive Gespräch mit ihr tat mir richtig gut und so konnten wir gemeinsam mit Gabriel, der sich mittlerweile auch zu uns gesellt hatte, frohen Mutes weiter laufen.

Ohne viel darüber nachgedacht zu haben, kamen wir vier plötzlich in Guirande an. Hier kürzten wir den Weg etwas ab und wanderten über die Landstraße D2 nach Saint Felix. In diesem kleinen unscheinbaren Dorf hat ein Anwohner ein richtiges Paradies für Pilger geschaffen. Er verkaufte kalte und warme kleine Speisen und auch Getränke. Eine Mittagspause ließen wir uns dann nicht entgehen, an diesem schönen Platz.

Anschließend führte uns der Jakobsweg über Feldwege weiter und kurz vor Figeac kamen wir an einer Straße raus, wo ich einen verlockenden Blick auf einen Wegweiser hatte, denn dieser gab die Entfernung nach La Cassagnole mit nur noch sieben Kilometern, ohne den Umweg über Figeac an. Die andern drei übernachteten alle in Figeac, da ja hier Charlotte aufhörte, nahm ich den Umweg in Kauf. Der Abschied wäre auch für mich viel zu plötzlich und zu schnell gegangen.

Auf den nächsten Stück Feldweg trafen wir auf Ann und Monique. Beide kannte ich ja bereits von Golinhac.

Auch die beiden hatten mehr oder weniger starke Schmerzen in den Füßen, so kam uns allen die Idee, spontan eine kleine Pause im Grünen zu machen.

Der linke Fuß von Ann war besonders betroffen, denn er war bereits angeschwollen. Ich gab ihr etwas Schaumstoff zum Abpolstern der schmerzenden Druckstelle und schnürte ihren Schuh etwas anders, damit nicht mehr so viel Druck darauf kam. Dadurch konnte sie schon wieder ganz gut weiterlaufen, aber kam eventuell um einen freien Tag in Figeac nicht drum rum.

Am Ende des Feldweges kam noch ein kleines Stück Landstraße auf uns zu und wir waren am frühen Nachmittag in Figeac angekommen.

Nach einem Abschiedsfoto, einer Umarmung mit Charlotte und dem gegenseitigen „Ich wünsche dir noch einen guten Weg bzw. Heimreise“ trennten ich mich von den anderen, denn ich hatte einen Platz in einer Gite einige Kilometer hinter Figeac reserviert. Figeac war mir einfach zu groß und zu stressig.

Die nun folgenden Kilometer waren die einsamsten seit langer Zeit.

Zuerst führte mich der Weg steil bergauf, jedoch wurde ich belohnt mit einer wunderschönen Aussicht nach unten auf die Stadt Figeac. Zum Glück waren es nur noch ca. fünf Kilometer nach La Cassagnole gewesen, wo ich schnell meine reservierte Herberge fand. Diese war ein echter Blickfang, und auch der Besitzer war ein Fall für sich.

Ihr Leser, werdet mir bestimmt zustimmen, wenn ich behaupte, er hatte Ähnlichkeiten mit Jesus.

 

Tag  48  –  04.05.2014  –  Cajarc  (25km)

Nach dem Frühstück und einem Bild des Herbergsbetreibers machte ich mich gegen acht Uhr auf den Weg. Über eine Landstraße kam ich zunächst nach Faycelles. Wenn der Nebel nicht gewesen wäre, dann hätte ich hier einen schönen Panoramablick über das Tal des Lot gehabt, so verriet es mir mein Reiseführer. „Schön, dass es an diesem Tag so neblig war.“

Fast unbemerkt erreichte ich Stunden später Gréalou und genehmigte mir eine kurze Pause im Schatten des Kirchturmes.

Etwa anderthalb bis zwei Kilometer hinter dem Dorf fand man direkt am GR65 gelegen einen Dolmen. Hier angekommen kam mir kurz in den Sinn, doch mal eine kleine Meditationspause zu machen.

So was hatte ich zu Hause schon öfters gemacht, hier auf dem Weg jedoch bisher noch gar nicht.

So setzte ich mich an den Rand des Dolmens, schloss die Augen und atmete tief durch.
Eine halbe Ewigkeit später (es waren tatsächlich nur 20-30 Minuten) brachte mich irgendwas oder irgendjemand durcheinander und so hörte ich auf zu meditieren. „Das tat ja mal wieder richtig gut“ Dachte ich, huckelte meinen Rucksack wieder auf, schnallte ihn fest und zog weiter.

Vor mir hatten sich nun einige Pilger angesammelt, „Liefen die alle während meiner Meditationspause an mir vorbei?“

Gute zwei Kilometer weiter traf ich auf Antje und wir liefen gemeinsam die letzten fünf Kilometer nach Cajarc. Etwas vor dem kleinen Städtchen lief man über einen Kalksteinweg, hier sagte ich zu ihr:
„Kannst du dir denken, an was mich dieses Stück gerade erinnert?“
„Ne, an was denn?“
„An den Weg nach Ceé, wo man da das erste Mal nach zahlreichen Kilometern einen schönen Blick zum Meer und nach Ceé hat.“
Hier hatten wir auch einen tollen Blick über den Lot und die Stadt, nur das Meer fehlte.

Das letzte Stück führte uns nun noch einmal sehr steil bergab, leider auf einem asphaltierten Weg und so dauerte es nicht lange und Antje begann, über ihre brennenden Füße zu stöhnen. Ich beruhigte sie mit dem Versprechen, ihr heute Abend bei einem Bier wieder eine kleine Fußmassage zu geben.

In Cajarc angekommen trennten wir uns, sie hatte einen Platz in der Gite communal (die städtische Herberge) reserviert und ich ein Zimmer in einem Gästehaus.
Nachdem ich mich bei drei Anwohnern nach dem Weg erkundigte, hatte ich ca. 30 Minuten später das Haus erreicht. Sofort wurde ich von einem süßen Hund begrüßt und zugleich kam eine Frau aus der Eingangstür heraus. Sie sagte zu ihrem Hund „Aus, aus“ (wirklich auf Deutsch) und ich fragte:
„Sie können ja deutsch?“
„Ja, ein wenig. Aber es ist vielleicht besser, wenn wir englisch reden!“
„Kein Problem“, so sprachen wir dann weiter auf Englisch.

Ich bezog mein Zimmer, duschte mich und setzte mich anschließend in den kleinen Garten in einen Stuhl und ließ die Seele baumeln.
Die nette Frau des Hauses bot mir etwas Kühles zu trinken an, was ich aber dankend ablehnte. Wir redeten etwas miteinander. Sie fragte mich, woher ich komme, wo ich den Weg begonnen habe und wohin ich es schaffen möchte.
Darauf sagte ich: „Bis ans Ende der Welt nach Finisterre, koste es, was es wolle.“
Sie: „Und wie kommst du zurück nach Deutschland, mit dem Flugzeug?“
Ich: „Nein, mit dem Bus! Das ist schön langsam.“
Sie stimmte mir zu, dass es für Pilger durchaus besser ist, nicht zu schnell wieder zu Hause im Alltag anzukommen. Also nicht fliegen, sondern fahren.

Auch erzählte sie mir, dass sie öfters Pilger hier zum Übernachten hat, Schweizer, Kanadier, Australier …
Sie: „Darf ich noch fragen, wann du durch das Aubrac-Hochland gewandert bist und welches Wetter du hattest?“
Ich: „Erst vor ein paar Tagen und es war eigentlich ganz gut, nur ein wenig Regen!“
Sie: „Ich hatte vor einigen Wochen zwei Pilger hier, die hatten da oben mit hüfthohem Schnee zu kämpfen.“
„Wow!“ gab ich nur zur Antwort.

Gegen 18 Uhr traf ich mich schließlich noch mit Antje. Direkt gegenüber der Kirche fanden wir eine kleine Bar und bestellten uns zwei Bier.

Wir machten uns einen Treffpunkt für Sonntag in Cahors aus und sie erzählte mir, dass sie am 23.05. ihre Rückfahrt hat, aber auch noch gerne die Etappe von Saint-Jean nach Roncesvalles wandern würde.
„Mit dir, wäre das Ganze noch ein schöner Abschluss meiner Pilgertour!“
So vereinbarten wir, uns am 21.05. in Saint-Jean zu treffen. Antje würde in dieser Zeit einige Touren mit dem Bus oder ähnlichen fahren. Da ich mir selbst geschworen hatte die ganze Strecke zu laufen, bedeutete dieses Versprechen für mich, dass die bevorstehenden Tage etwas härter werden sollten (einige Ü30 Kilometer Touren).
„Was tut man nicht alles für eine gute Pilgerfreundin“, dachte ich.

Zurück im Gästehaus gab es halb acht Uhr Abendessen. Hier schloss ich noch Bekanntschaft mit einem französischen Paar, welches auch auf dem Jakobsweg unterwegs war, aber nur einige Tage.

Die beiden waren mehr als erstaunt, als ich auf ihre Frage „Wo bist du gestartet?“ antwortete „in Deutschland!“
Das was ich von den beiden nicht verstand, da half mir die Gästehausmutter weiter. Sie übersetzte es für mich ins Englische bzw. auch ins deutsche, wenn ihr die englischen Wörter nicht einfielen und meine Antwort dann zurück ins Französische.

So ließen wir den Abend schön ausklingen.

Von Grealou nach Cajarc führt der Jakobsweg entlang des Randes eines Kalksteinplateaus. Auf diesem läuft man schließlich bis kurz vor Cahors.

Cajarc hatte eine weitere kleine Besonderheit für mich. Hier ist die Hälfte der gesamten Strecke Mainz-Finisterre geschafft, Halbzeit. Nach 48 Tagen. (Es war tatsächlich auch die Hälfte der Zeit, denn ich habe insgesamt 96 Tage benötigt.)

 

Tag  49  –  05.05.2014  –  Varaire  (25km)

„Schlapper, schlapper“ machte der Hund, als er mich inklusive der Besitzerin am frühen Morgen verabschiedete. Sie fragte mich noch zum Abschluss, ob ich ihr nicht eine Postkarte schreiben könnte, wenn ich wieder zu Hause bin. Dies werde ich natürlich tun (**.09. habe es leider immer noch nicht gemacht).

Ein schmaler Feldweg brachte mich zur Landstraße D19 und diese nach einigen hundert Metern nach Gaillac. Von hier führte der Jakobsweg fast 15 Kilometer lang, nach Limogne-en-Quercy, nur über einen Kalksteinweg durch den Wald. Ein wenig Abwechslung gab es höchstens mal mit verlassenen Höfen bzw. Weilern.

In Limogne-en-Quercy machte ich anschließend eine ausgedehnte Pause in einer Bar, da die örtliche Apotheke erst eine Stunde nach meiner Ankunft wieder öffnete. Ich brauchte unbedingt neue normale Pflaster und kleine Blasenpflaster.

In der Bar trank ich zwei kalte Cola‘s und plante etwas die Etappen der bevorstehenden zwei Wochen bis nach Saint-Jean. Zu schaffen ist es für mich auf jeden Fall, nur die Herbergen an den geplanten Zwischenzielen dürfen halt noch nicht voll sein.

14 Uhr, die Apotheke machte wieder auf. Ich versorgte ich mit den notwendigen Kleinigkeiten und zog dann weiter auf die letzten acht Kilometer für diesen Tag.

Etwa um halb fünf kam ich in der Herberge im Dorf Varaire an.

 

Tag  50  –  06.05.2014  –  Cahors  (33km)

Von Weg zu schreiben lohnte sich nicht. Er führte mich heute fast nur über das Kalksteinplateau, durch den Wald und über einige Feldwege. Bereits am frühen Nachmittag kam ich dann in Cahors an (eine Stunde früher als geplant). Hier fand ich schnell den Weg zur Jugendherberge, wo ich ein Bett in einem Mehrbettzimmer reserviert hatte. Dieses Zimmer teilte ich mir mit zwei Franzosen, einem deutschen Paar die mit dem Fahrrad auf dem Jakobsweg unterwegs waren und einem Paar aus der Schweiz.

Irgendwo habe ich das Schweizer Paar auch schon mal gesehen, kann mich jedoch nicht erinnern. Nach einiger Zeit des Nachdenkens fiel mir es dann doch noch ein, im Wald kurz hinter Conques hatte ich sie damals überholt.

Der Tagebucheintrag für diesen Tag fiel ein wenig mickrig aus, denn die letzten beiden Tage waren für mich die Hölle.

In den letzten Tagen kristallisierte sich bei mir ein Gedanke heraus.
Seit dem der Jakobsweg für mich, zumindest für meinen Kopf eigentlich ein Ende gefunden hatte (seit Montbrison, 19.04.), hatte ich keinen Grund mehr weiter zugehen. Ich könnte genauso gut bei meinen Eltern oder Bekannten sitzen und meine bisherigen Begebenheiten zum Besten geben. Aber nein, ich saß fast 1400 Kilometer von meinem Startpunkt Mainz oder fast 1800 Kilometer von einer Heimat Jena entfernt und dachte über einen Grund nach, warum ich denn eigentlich noch hier war.

Ist das nicht vielleicht sogar eins der schlimmsten Dinge, die einem Pilger passieren können? Dass er den Willen bzw. den Gedanken verliert, weiter zu gehen.

Abends traf ich mich mit Antje und ihr erzählte ich, dass ich eigentlich ja keinen Grund mehr hatte, hier zu sein. Wir verabredeten uns für den kommenden Tag früh acht Uhr an der berühmten Brücke „Pont Valentré“ um noch einige Kilometer gemeinsam zu gehen, bevor wir uns für ca. zwei Wochen nicht sehen sollten.

„Nun hoffte ich nur noch, dass die Nacht mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen bringt.“

(Text als PDF)

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